2008

Liebe LeserInnen,

in den letzten Monaten nahm ich viele Einladungen der Medien an, die sich besonders seit der Finanzkrise häuften. Neben einigen Talkshows und kurzen Life-Auftritten im Fernsehen hoffte ich jedes Mal, in den 3- 5 minütigen Filmen etwas von der Lebendigkeit und Freude meines Alltags herüberbringen zu können. Ich mußte jedoch feststellen, dass es nicht so einfach ist, den Personenkult zu umgehen. Die von mir dazugeholten MitspielerInnen wurden zu Statisten, Projekte gar nicht benannt. Einzig die „ohne Geld lebende Frau Schwermer“ zählte und sollte ihren Lebensstil immer wieder durch Tauschaktionen darstellen. Das verdeutlichte mir, wie schwierig es ist, das Neue zu präsentieren.

In meinem Leben geht es nicht mehr ums Tauschen sondern eher ums Teilen.“Gib und Nimm“ heisst nicht: Gibst du mir, so gebe ich dir, sondern: Bin ich im Lebensfluss, in der Freude? Ist das Geben und Nehmen eins geworden, so dass daraus die Leichtigkeit des Seins entstehen kann, einem Sein ohne Sorgen, ohne Ängste, im Vertrauen?

Was heisst das konkret? Sollen wir jetzt alle drauflos “ schnorren“ wie der junge Mann, der neulich in einer Gemeinschaft erklärte, er müsse nicht mehr körperlich arbeiten, weil seine Schwingungen so hoch seien? Wer bestimmt, dass das Geben und Nehmen in Einklang ist, dass sich nicht die einen auf Kosten der anderen bereichern? Kann das überhaupt ohne Geld gehen? Bislang hat ja Geld die Strukturen bestimmt. Wer nichts leistete, bekam nichts. So einfach ging das.

Und jetzt? Bei „Gib und Nimm“ können die MitmacherInnen selber herausfinden, wo sie stehen. Einmal für sich allein, aber dann auch im Miteinander. Die „Gib und Nimm Häuser“(s. o.) könnten ein Forum sein, in dem etwas ausprobiert werden darf: Soll ich mich weiter öffnen, Menschen an mich heranlassen, oder muss ich mich abgrenzen, das Neinsagen üben? Wie fühle ich mich bei den Begegnungen?

Wer nur sein Haus zur Verfügung stellen will, keine Lust hat, sich auseinander-zusetzen, wird natürlich zu nichts gezwungen. Freiwilligkeit steht bei Gib und Nimm an erster Stelle.

Die Häuser werden zur Zeit verwaltet von (…steht nicht mehr zur Verfügung). Sie legt verschiedene Listen an, kommuniziert mit den Hausbesitzern und den Hausbesuchern. Sie gibt den Hausbesitzern die Telefonnummern der Interessenten weiter, wodurch ein anfänglicher Datenschutz gewährleistet ist.

Es gibt neue Aufkleber (s.o.) Sie können bestellt werden bei…(steht nicht mehr zur Verfügung). Die Aufkleber sind kostenlos, allerdings sollte ein frankierter Briefumschlag für die Rücksendung geschickt werden. Die vierfarbigen Aufkleber stehen für: Buntheit im Alltag, Offenheit für neue Ideen und Menschen, für ein wohlwollendes, konkurrenzloses Miteinander, für einen Wertewandel schlechthin. Sie sollen die Welt erobern, überall auftauchen und gesehen werden, ins Gespräch kommen, einen Sinneswandel beeinflussen.

Noch etwas in „eigener Sache“:

Für mein „Sterntalerexperiment“ in italienischer Sprache erhalte ich am 14.12.08 den Tiziano Terzani- Preis, einen internationalen Literaturpreis für „eine Kultur des Friedens“. Ich freue mich deswegen sehr darüber, weil ich glaube, dass es eine Anerkennung für alle Frauen ist! Denn was tue ich anders, als was Frauen schon über Jahrhunderte getan haben: ohne Geld leben (sie standen ja immer hinter einem Mann, der für sie sorgte) das tun, was nötig ist (wieviel Nächte durchwachen Millionen von Müttern, wenn das Kind krank ist) sich einbringen aus Mitgefühl und und und.

Keineswegs möchte ich Frauen und Männer spalten, die einen über oder unter die anderen stellen. Ich weiss, dass es inzwischen viele Väter gibt, die verantwortungsbewusst und liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Auf der anderen Seite füllen Frauen inzwischen Chefpositionen aus! Es geht mir nicht um ein Zurück in frühere Zustände sondern eher um ein Bewusstmachen, um Anerkennung und Wertschätzung der weiblichen Werte, die in der Vergangenheit zu gering erachtet wurden.

Eine wunderschöne Zeit voll Licht wünscht Heidemarie Schwermer im Dezember 2008

Nachtrag:

Meine Reise nach Italien ist beendet. Die Preisverleihung war sehr

interessant: im palazzo vecchio – dem Rathaus von Florenz , im

„schönsten Raum von Florenz“ wie die begeisterungsfähigen Italiener

schwärmten – empfingen fünf junge ItalienerInnen für ihre noch

nicht veröffentlichten Texte eine Auszeichnung von der Gruppe „ein

Tempel für den Frieden“.

Das einzige internationale, schon veröffentlichte Buch, das hier

geehrt wurde, war mein „Sterntalerexperiment“. Mit einem Gemälde,

einer Friedensfahne und einer Urkunde versehen und vielen

Gratulationen der 500 Besucher verliess ich zufrieden die Veranstaltung.

In Florenz gab es ein paar Tage später noch eine spontan einberufene

Gesprächsrunde mit interessierten Gästen, eine gelungene

Veranstaltung, die leider einen „Pferdefuss“hatte: mein Handy

verschwand spurlos, und jetzt bin ich schon seit ein paar Tagen ohne

Handy und kann üben, wie es sich anfühlt, für viele unerreichbar zu

sein. Ein Ersatz ist jedoch schon in Sicht

Einen guten Rutsch ins neue Jahr, viel Freude und Vertrauen wünscht Heidemarie Schwermer im Dezember 2008

Viele Interviewanfragen habe ich in der letzten Zeit abgesagt, weil es

einfach nicht dran war und ich ausprobieren wollte, ob ich für „ein Leben

im Hintergrund“ noch tauge. Während dieser Zeit tauchte ich noch tiefer in

die unterschiedlichen Familienstrukturen ein, passte mich an, lebte mit

und konnte es geniessen.

Als eine Anfrage von der Süddeutschen Zeitung für ein Interview an mich

erfolgte, hatte ich das Gefühl, dass ich nun für etwas Neues bereit sei.

Ich nahm an, und auf der Seite „Geld“ im wirtschaftlichen Bereich

erschien dann ein Artikel mit der Überschrift: „Eine Welt ohne Geld“. Das

freute mich sehr, denn bislang war ich ja immer reduziert worden auf „Mein

Leben ohne Geld“. Die Journalistin Franziska Brüning ging in ihrem Artikel

auch auf andere Gruppen und Sichtweisen ein. Das rundete etwas ab und

passte so in die neuen Gesprächsrunden, die ich mit anderen Menschen

inzwischen überall anrege.

In diesen Gruppen lassen wir uns leiten von dem Augenblick. Das Motto

„Jede kann was, was nicht jeder kann“ führt uns durch ein buntes und

reiches Programm, das jedesmal anders aussieht. Gemeinsamer Schwerpunkt

ist allerdings unser Bemühen, mitzuwirken bei einer positiven

Veränderung des Massenbewusstseins. Wir bestärken uns gegenseitig und

gehen in allen Fragen wohlwollend miteinander um. Jede kann sich äussern,

ohne darüber nachzudenken, ob das Geäusserte gut genug ist oder nicht.

Damit geht ein langersehnter Wunsch von mir in Erfüllung, nämlich ohne

Bewertung jeden dort zu lassen, wo er/sie gerade steht.

Und das wiederum bedeutet eine Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls.

Zu spüren, wie wir alle miteinander verbunden sind und jegliche Konkurrenz

ausschalten können, bedeutet, auch uns selber so anzunehmen, wie wir

sind.

Eine neue Welt ist gerade im Entstehen, oder besser ausgedrückt: Wir

verändern unsere Sichtweise, so dass andere Werte, die bislang

vernachlässigt wurden, ihren Platz einnehmen können. Dabei geht es um

Annahme, Liebe und Miteinander, auch um die Überwindung der Isolation,

des Misstrauens und der Ängste. Es ist eine wunderbare Welt, der Himmel

auf Erden sozusagen.

Und was hat das mit der Aufgabe des Geldes zu tun, könnte jetzt die

Frage lauten. Die anderen Gruppenmitglieder leben alle noch mit Geld und

erfahren denselben Prozess. Für mich bleibt jedoch ein gravierender

Unterschied, denn dadurch dass ich keine Belastungen im Alltag spüre,

dass ich mich absolut frei fühle, sind die Gruppenerfahrungen nichts

Abgehobenes, Einmaliges sondern mein Alltag. Ich muss nicht am nächsten

Tag darüber grübeln, wo ich meine Brötchen herbekomme oder besser: wie ich

mein Geld verdienen kann. Das Gefühl, dass alles zur rechten Zeit am

rechten Ort ist, trägt mich inzwischen. Und so sehe ich die „Neue Welt“:

niemand muss mehr strampeln oder sich verkaufen, um die notwendigen Dinge

für das Leben zu erwerben.

Stattdessen können wir aufgehen in einem liebevollen Miteinander, unser

Herz wieder spüren und eine Buntheit leben, die einfach wundervoll ist.

Herzlich grüsst Heidemarie Schwermer im August 2008

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